Wilfried Schmickler zur Lage der Nation und gegen ‚Rechts‘

Lieber Wilfried, herzlichen Glückwunsch zum Orden wider den tierischen Ernst in Aachen 2024!

Und beim Merowinger Nachbarschaftsfest 2023:

Liebe Brüder und Schwestern! Liebe Gläubige, liebe Scheinheilige und liebe Ungläubige!

Hochgeschätzte Zweifelnde und bedauernswerte Irrende! Sehr verehrte Hadernde, Schwankende und Zögernde! Geliebte Gutmenschen. Oh, Verzeihung, ich wollte Sie nicht beleidigen. Die Bezeichnung „Gutmensch“ gehört ja heutzutage zu den übelsten Beschimpfungen, die sich ein engagierter Mensch gefallen lassen muss. Denn Gutmenschen sind angeblich nicht nur naiv, dumm und weltfremd, sie haben seinerzeit bei der Moral-Verteilung im Himmel auch mehrmals „Hier!“ gerufen. Aber gegen die Diktatur dieser Gutmenschen formiert sich Widerstand. Der Aufstand der Wut-Menschen, die sich nicht länger den Mund verbieten lassen von den rot-grün versifften Verkündern der Sprech- und Denkverbote. Und also krakeelte Alice Weidel im deutschen Bundestag: „Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte!“. Und dann folgte der Satz, der immer folgt, wenn jemand das Unaussprechliche artikuliert: „Ja, aber das wird man doch noch sagen dürfen!“ Wissen Sie, seit über einem halben Jahrhundert muss ich jetzt mitanhören, was in Deutschland angeblich alles nicht gesagt werden darf.

Und ich sage Ihnen, noch nie standen die Tore des Sagbaren so weit offen wie heute. Seit es möglich ist, im Internet in den Dunkel-Kammern der Anonymität die erbärmlichsten Unsäglichkeiten zu posten und zu twittern, wird die Öffentlichkeit geflutet mit widerwärtigstem Gedanken-Auswurf und sprach-gewordenen Gewalt-Phantasien. Und diese Flut hat die braunen Volksverhetzer und rassistischen Menschenfeinde in die Parlamente gespült, wo sie die hohen Häuser besudeln mit ihren Hasstiraden und gezielten Entgleisungen. Und wenn angesichts dieser beängstigenden Entgrenzung des Sagbaren besorgte Menschen davor warnen, dass die Verrohung der Sprache zu jener logischen Konsequenz führt, in der sich Wort auf Mord reimt, dann werden sie denunziert als Sprachpolizisten und Meinungs-Diktatoren.Was zum Teufel, meine Damen und Herren, ist dagegen einzuwenden, die Sprache so zu pflegen, dass sie der Unantastbarkeit der Menschenwürde Ausdruck verleiht? Was ist daran falsch, den ideologischen Müll der Vergangenheit sprachlich zu entsorgen und durch eine vorurteils- und klischee-freie moderne Form des privaten und öffentlichen Sprechens zu ersetzen? Lieber achtsam und politisch korrekt, als wutschäumend und rückwärts gewandt.

Ich habe jetzt gelesen, dass es jeden Moment passieren kann, dass die Ruhe und die Ordnung in Deutschland erschüttert werden durch einen gewaltigen Wutausbruch. Kollektiv und flächendeckend. Dann reißen die Geduldsfäden, platzen die Hutschnüre und dann bricht sie aus: die Scheiß-Wut. Auf die Scheiß-Politiker, die Scheiß-Etablierten und die Scheiß Flüchtlinge. Da gibt es Menschen, bei denen klingelt morgens der Wecker und schon haben die eine Scheißwut. Auf den Scheiß-Wecker, auf die Scheiß-Politiker, die Scheiß-Etablierten und die Scheiß-Flüchtlinge. Und dann ist die Bude kalt, draußen regnet es schon wieder, im Morgenmagazin hockt die Dunja Hayali, und der Pulverkaffee ist auch alle.
Und wer ist schuld? Genau. die Scheiß-Politiker, die Scheiß-Etablierten und die Scheiß-Flüchtlinge. Und so geht das dann den ganzen Tag weiter. Die Bahn hat Verspätung, der Geldautomat ist kaputt, vorm Aldi hockt schon wieder dieser Penner und bettelt, die Stammkneipe hat Ruhetag, der Mülleimer quillt über, der Handy-Akku ist leer, und die Ampel-Koalitionäre wollen die Heizung, das Auto und die Kinderschokolade verbieten. Da kommt sie natürlich wieder hoch, die Scheißwut. Die Wut als Grundgefühl der verbitterten Kreatur, die abgehängt und aussortiert durch die ihr feindlich gesonnene Welt irrt, immer auf der Suche nach jemandem der Schuld ist an all dem Elend. Die Farbigen, die Fremden, die Verschleierten, die Drogenabhängigen, die Obdachlosen und natürlich – genau – die Scheiß-Flüchtline und die Scheiß- Politiker.

Diese Politiker und ihre Politik befinden sich gerade in einer schweren Krise. Einer Vertrauenskrise. In einer aktuellen Meinungsumfrage erklären zwei Drittel der Wahlberechtigten, sie seien mit dem Funktionieren der Demokratie komplett unzufrieden. Das kann ihnen natürlich niemand verbieten, aber die Frage muss erlaubt sein: Was darf es denn stattdessen sein? Diktatur? Oligarchie? Despotismus? Assad? Jinping? Al Mahdi? Lukaschenko? Erdogan? Ali Chamenei? – Diese selbstherrlichen Egomanen und skrupellosen Menschenrechts-Verächter dienen nicht ihrem Volk, sondern einzig und allein den Götzen des Größenwahns, der Willkür, der Selbstsucht und der Gier.

Widerwärtigstes Beispiel Wladimir Putin, der gerade dabei ist, in der Ukraine einen Flächenbrand zu schüren, der ganz Europa in Schutt und Asche legen kann. Und damit komme ich zu einer der wenigen wirklich positiven Nachrichten seit dem 24.Februar 2022: Die Bereitschaft der Deutschen, Flüchtende aus der Ukraine aufzunehmen, war wider Erwarten bemerkenswert groß. Die sogenannte Willkommens-Kultur in Deutschland erlebte eine nie gekannte Blüte. Die Hilfs- und Spendenbereitschaft war enorm, ein Viertel der Bevölkerung war bereit, auch privat Geflüchtete aufzunehmen. Die Neue Züricher Zeitung meldete: „Diesmal sind es echte Flüchtlinge“. In der FAZ schwadronierte ein Autor, dass – Zitat – „die meisten Flüchtlinge, die 2015 über die Türkei gekommen sind, streng genommen Migranten waren.“ Und – so die bayerische Integrationsbeauftragte – „den ukrainischen Flüchtlingen muss nicht erklärt werden, dass auf dem Zimmerboden nicht gekocht werden darf.“

An einem polnisch-ukrainischen Grenzübergang kategorisiert das europäische Grenzregime die Menschen in zwei Gruppen. Alle weißen ukrainischen Staatsbürger*innen dürfen ohne große Nachfragen passieren, Schwarze Menschen oder People of Color werden aufgehalten. Damit wir uns nicht missverstehen: Selbstverständlich muss alles Menschenmögliche getan werden, den Millionen von russischen Bomben, Raketen und Granaten terrorisierten Menschen Schutz und Zuflucht zu bieten.

Trotzdem müssen ein paar Fragen erlaubt sein:
Warum  werden Männer zwischen 18 und 60 Jahren daran gehindert, die Ukraine zu verlassen? Kein Staat der Welt hat das Recht einen Menschen gegen seinen Willen zum Soldaten zu machen. Gilt das von der UN verbriefte Menschenrecht auf Kriegsdienst-Verweigerung nur in Friedenszeiten? Sind die Menschen, die aus Syrien fliehen vor einem Krieg, der ohne massive russische Militär-Hilfe gar nicht möglich wäre, nicht auch Opfer des Despoten Putin? Warum sind die Mitgliedsstaaten der EU nicht bereit, in den großen und kleinen Flüchtlings-Elends-Lagern dieser Welt für menschenwürdige Verhältnisse zu sorgen? Und apropos Elends-Lager: wen interessieren überhaupt noch die Zustände in Dadaab, in Kutupalong, in Rafah, in Zaatari, in Kakuma…?

Und was sind die 9,15 Milliarden Dollar Jahres-Budget des UNHCR gegen die 100 Milliarden Euro Sondervermögen für die Aufrüstung der Bundeswehr? Natürlich ist die Hilfe für die Flüchtenden aus der Ukraine das Gebot der Stunde. Aber, meine Damen und Herren, es besteht die Gefahr, dass die elende Lage dieser Menschen  irgendwann auch genau da verschwindet, wo Millionen Flüchtlinge in aller Welt bereits verschwunden sind: im Strom des Vergessens. Oder, was noch schlimmer wäre, dass die Solidarität mit den Flüchtlingen umschlägt in Missgunst, Neid und Ablehnung. Und wir alle haben in den vergangenen Jahren erlebt, wie schnell das immer geht. Am Anfang einer Krise fallen die Appelle an Solidarität und Vernunft noch auf fruchtbaren Boden, doch je länger der Zustand der Ausnahme dauert, desto mehr geraten diese Appelle ins postfaktische Störfeuer der Volks-Verhetzer, der Aufwiegler, der Spalter.

Es ist immer dasselbe.
Ob Flüchtlings-, Corona-, Klima-, Ukraine- oder Wirtschafts-Krise, irgendwann tauchen sie auf aus den Tiefen ihrer Niedertracht und säen Panik und Zweifel und Angst und Unsicherheit.

Und warum?
Weil sie wissen, dass umso größer die Verunsicherung der Menschen, desto einfacher ist es, ihnen die dreistesten Lügen als Wahrheit zu verkaufen. Verflucht seien sie, die organisierten Irren und gut vernetzten Idioten, die nichts anderes im verkommenen Sinn haben, als die Angst, die Unsicherheit und die Verwirrung in der Bevölkerung in Krisenzeiten zu instrumentalisieren für ihre radikalen politischen Zwecke. Ach, manchmal wünschte ich, es gäbe eine Hölle, in der all die Schurken und Verbrecher darben bis in alle Ewigkeit. Da sollen sie dann schmoren im fauligen Geifer, der aus den Gebissen tollwütiger Hunde träuft, mit ätzender Affenpisse vermischt, mit Stacheln einem Igel ausgerissen, im Regenfass drin schon die Würmer schwimmen, krepierte Ratten und der grüne Schleim von Pilzen, die des Nachts wie Feuer glimmen in Pferderotz und heißem Leim.

Damit das klar ist, meine Damen und Herren: Die Versammlungs- und Meinungsfreiheit gilt selbstverständlich auch für die Irren und Idioten. Wenn sagen wir mal die Bundesvereinigung der Knalltüten eine Versammlung abhalten will für das Recht auf freien Knall für freie Tüten, dann kann ihr das niemand verbieten. Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit unabhängig vom Grad der persönlichen Störung.

In der Oberlausitz auf der B96 zwischen Zittau und Bautzen standen bis vor kurzem hunderte von Oberlausitzer Stinkwut-Bürgern, schwenkten Schwarz-rot-weiße Reichsflaggen und demonstrierten. Wofür oder wogegen haben sie allerdings nicht gesagt, weil das Ganze war gedacht als stiller Protest. Das sind mir eigentlich die Liebsten. All die wutschäumenden Frust- und Verdruss-Bürgerinnen und Bürger, die einfach den Rand halten und ihren ganzen Frust und Verdruss in sich hineinfressen. Einziges Problem: irgendwann kommt die Scheiße  doch hoch und dann kriegen sie das Kotzen. Und wenn dann die professionellen Vorkotzer wie Björn Höcke oder Pinsel Chrupalla auf den Marktplätzen das Erbrochene zu einer braunen Brühe aufkochen, dann entsteht das, was man seit Pegida den Aufstand der Unanständigen nennt. Gegen die Volksverräter. Gegen die Lügenpresse. Gegen die Klima-Propaganda. Gegen den Öko-Terror. Gegen den Flüchtlings-Notstand. Gegen die Corona-Diktatur. 

Und apropos Corona: ich habe in den vergangenen Wochen nirgends einen Anti-Corona-Spaziergänger in Deutschland gesehen, der gegen den Krieg in der Ukraine protestiert hätte. Im Gegenteil. Die freie Kameradschaft Niedersachsen, eine rechtsradikale Vereinigung, die bei den Anti-Corona-Aufmärschen immer ganz vorne mit dabei war, postet bei Instagram an ihre 150.000 Follower: „Wir sollten auf den Spaziergängen Amerika- und Nato-Fahnen verbrennen!“ Und ihre ganz genauso freien Gesinnungs-Genossen von der deutschen Liga für Volk und Heimat erklären – Zitat:
„Wenn Putin durchmarschiert, fällt das Gendern weg, sind Männer Männer und keine Frauen, wird Strom und Sprit billiger, wird die Islamisierung beendet, wird linksgrün eingesperrt.“
Wie sagte dereinst der legendäre Rudi Assauer: „Wenn der Schnee schmilzt, siehst du, wo die Scheiße liegt.“

Grässlich preisen Höllen-Kräfte. Pestilenzen, würgende Seuchen, die mit der grausen Bruderschaft durchs finstre Tal der Grabnacht schleichen. Dummheit höhlt die taube Birne. Stetig träufelt Missgunst in die Hirne, der kalte Blick vom Wahn verschleimt. Und nirgends mehr ein Schimmer, der noch keimt. Schwärend liegt der Hass auf dumpfen Lüften. Niedertracht kraucht röchelnd aus den Grüften. Leichenschweigen, Friedhofsstille wechseln mit dem Hassgebrülle. Da hilft nicht Beten, hilft kein Gottvertraun. Da hilft nur Augen auf und hin zu schaun: Die Pest einst schwarz, heut ist sie braun! Und diese Pest ist gefährlicher als alle Virus-Varianten zusammen. Weil sie nach wie vor systematisch verharmlost wird. Wie nach der bundesweiten Razzia bei den Untertanen von Heinrich dem 13ten, dem letzten Köstritzer aus der Reichs-Bürger-Wehr.

Da wurde dann berichtet vom doofen Prinz Heini und seiner Übergangs-Regierung mit einer Ministerin für Transkommunikation und  Spiritualität. Haha, wie lustig. Ein prädebiler Volltrottel ernennt sich zum König von Deutschland und plant mit einem Haufen beschränkter Schnarch-Tüten den Pimpel-Putsch. Die Verharmlosung als Methode. Immer wenn nach einem rechts-terroristischen Anschlag in Deutschland gefragt wurde, was wohl in den Köpfen der Täter vorgegangen ist, so war die Antwort in der Regel: nicht viel. Nazis sind doof. Spontan und planlos. Der Verfassungsschutz sprach in diesem Zusammenhang von „Braunen Schläfern“. „Braune Schläfer“! Hört sich an wie eine kuschelige Zuchtkaninchen-Rasse, die in ihrem Käfig friedlich vor sich hin mümmelt. Aber von wegen kuschelig und von wegen friedlich: die braunen Schläfer sind brandgefährlich. Weil sie nämlich genau das sind, was sie als Schläfer eigentlich nicht sein sollte: sie sind hellwach! Sie sind bewaffnet, sie sind systematisch an ihren Waffen ausgebildet, und sie sind extrem gut vernetzt. Es gibt in Deutschland über 200 offiziell bekannte gewaltbereite rechtsextremistische Organisationen. Und der parlamentarische Arm dieser Rechts-Terroristen ist und bleibt die AFD.

Und all denen, die noch Zweifel haben an der extremen Rechtsradikalisierung der AFD, denen empfehle ich einen Blick auf die Kandidatenliste der Partei für die Europa-Wahl im nächsten Jahr und die Lektüre der Reden, die diese Figuren auf dem Parteitag gehalten haben. Zitat Björn Höcke „Das drängendste Problem der Gegenwart ist, dass Deutschland seine Männlichkeit verloren hat. Nur wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft, und nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft“ Und im Hintergrund singt der Männer-Gesangs-Verein der Reichsbürger-Bruderschaft das schöne Lied von Herbert Grönemeyer:  „Wann ist ein Mann ein Mann?“ Und dann alle: „Außen hart und innen ganz weich!“ – Genau: ganz weich! In der Birne!

Wie der Spitzenkandidat der AFD für die Europa-Wahl, Maximilian Krah, der die Ursache für die Entmännlichung des deutschen Herrengeschlechts samt Therapie auf den Punkt bringt: „Jeder dritte junge deutsche Mann hatte noch nie eine Freundin. Du gehörst dazu? Schau keine Pornos, wähl nicht die Grünen, geh raus an die frische Luft, steh zu dir, sei selbstbewusst, guck gerade aus. Echte Männer sind rechts, echte Männer sind radikal, echte Männer sind Patrioten, dann klappt das auch mit der Freundin.“
Wenn eine Partei, deren Spitzenleute so einen Müll absondern, in den Umfragen gerade bei 21 Prozent liegt – Tendenz steigend – dann wird mir Angst und Bange um die Demokratie in Deutschland.

Sie mögen mich für einen weltfremden Träumer halten, aber ich glaube trotz alledem an eine Zukunft, die bestimmt wird von Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität. Vernunft, Respekt und friedliches Miteinander statt Willkür, Hass und Terror. Nicht destruktiv und verbittert, sondern konstruktiv und zuversichtlich. In diesem Sinne: Bleiben Sie edel. Bleiben Sie hilfreich. Bleiben Sie gut. Und denken Sie immer daran: auch der Hass auf die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit.

Aktuelles zu Wilfried Schmickler unter folgendem Link:
www.wilfriedschmickler.de

© Foto W. Schmickler: WDR

Eventinfos

Datum: 13.05.2024
Beginn: 11:15 Uhr

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